Miami Files – Changes 5

Als mein Wecker gegen Mittag klingelte, wusste ich, die Gefahr war konkret geworden. Die Bedrohung für Miami, die wir da spüren konnten, kam vom Strand, aus der Nähe von Pans Palast. Als wir dort ankamen (alle außer Roberto und Ilyana Elder – Roberto hatte einen dringenden Notfall, a.k.a. seine patrona Oshun besänftigen, die es gar nicht lustig fand, dass er sich nach dem kleinen Intermezzo als Titanias Richter schon wieder mit einer anderen übernatürlichen – weiblichen und wunderschönen wohlgemerkt – Wesenheit eingelassen hatte, und Ilyana hatte sich noch nicht richtig von dem Ritual erholt; Cicerón erzählte, dass sie sich ständig in ein Krokodil verwandeln wolle), sahen wir auch, was es war: wieder solche Riesen wie der, den die Einherjar besiegt hatten, aber diesmal deutlich mehr als einer. Wir konnten auch spüren, dass die Kreaturen aus der Richtung des Winterhofs kamen – so zielstrebig, wie sie unterwegs waren, ließ das überhaupt nichts Gutes für den Winterhof erahnen. Sie durften Pans Residenz nicht erreichen – nicht, wenn ich das verhindern konnte!

Es waren auch nicht nur Riesen am Strand. In der Masse der Angreifer befanden sich auch seltsame Kreaturen, die mir so überhaupt nichts sagten. Sie hatten einen humanoiden Körperbau – Kopf, Rumpf, zwei Arme, zwei Beine, mittelgroß –, aber mit einem Menschen verwechseln konnte man sie trotzdem nicht. Dafür war ihre Haut zu blass, ihr Mund viel zu breit, die Hände viel zu groß, und auch ihre hervorquellenden Augen und die extrem flachen Nasen waren nichts, was man je an einem Menschen sehen würde. Wie aufrecht gehende Frösche, fuhr es mir durch den Kopf, nur dass sie Haare hatten.

Während die Riesen vor allem auf Zerstörung aus waren, sah es so aus, als wollten diese Froschartigen auf ihrem Weg zum Sommerpalast so viele Menschen entführen, wie sie konnten. Das wunderte mich, denn was für einen Zweck sollte das haben? Lösegeldforderungen? Wohl kaum.
Die Einherjar und restlichen Sidhe-Ritter waren bereits dabei, gegen die Angreifer zu kämpfen – Unterstützung hatten sie dabei erstaunlicherweise von einem Eistroll. Dass dieser Winterfae mit den Kriegern des Sommers gemeinsame Sache machte, ließ mich noch Schlimmeres für den Winterhof befürchten. Aber jetzt war keine Zeit, darüber nachzudenken. Jetzt warfen wir uns in die Schlacht.

Es war die Domäne meines Herzogs, die in Gefahr war, also durfte ich nicht zögern. Ich jagte den Froschmenschen meinen patentierten Sonnenlichtzauber entgegen, um sie zu blenden und zu verwirren, bevor ich Jade zog und losstürmte. Die anderen waren direkt hinter mir, und nicht nur die Jungs. Hm. Ich brauche echt einen griffigeren Namen als „Mitglieder der Genius Loci-Gruppe“, wenn ich von uns allen schreibe. „Ritter“ ist natürlich besetzt, aber hm, wie wäre es stattdessen mit „Hüter“? Aber jedenfalls waren auch die anderen da und griffen ein, alle nach ihren jeweiligen Spezialitäten. Febe Gutiérrez warf mit Blitzen um sich, Cicerón Linares kanalisierte Shango, Ángel Ortega stürzte sich in den Nahkampf, und so weiter.
Ein Riese schlug nach mir, aber ich konnte ihm einigermaßen ausweichen, so dass sein Schlag mich nur streifte – den fiesen Bluterguss, den mir dieser nicht-ganz-Treffer bescherte, bemerkte ich erst hinterher. Überhaupt waren nur Riesen im Getümmel – die Froschmenschen hielten sich im Hintergrund. Und es dauerte nicht lange, bis ich erkannte, warum: Die pendejos hatten Magie! Ihre Angriffszauber nahmen die Form von Feuerfischstacheln an, oder sie verschossen echte Feuerfischstacheln mittels Magie. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es machte im Endeffekt auch keinen Unterschied, was es nun genau war, denn so oder so sahen die Dinger verdammt spitz und schmerzhaft aus. Ich hatte auch gar keine Zeit, bewusst darüber nachzudenken, denn viel zu viele von diesen Stacheln flogen direkt auf mich zu. Vielleicht hätte ich ihnen ausweichen können, indem ich zur Seite gesprungen wäre oder mich in den Sand geworfen hätte, aber ich reagierte instinktiv. Erst hinterher, als alles vorüber war, wurde mir bewusst, dass das eigentlich ziemlich albern gewesen war, aber wie gesagt: Ich reagierte instinktiv. Zu Kampfbeginn hatte ich ja Jade gezogen, und jetzt gelang mir tatsächlich, das Bombardement komplett abzuwehren. Edward meinte hinterher, das hätte fast jedi-mäßig ausgesehen, wie ich diese Stacheln mit dem Schwert ablenkte – aber naja, da war bestimmt auch ein gutes Stück Sommermagie dabei, dass es so aussah, als sei die Macht mit mir.

Alex zog währenddessen auf seine ganz eigene Art und Weise in den Kampf. Er schnappte sich ein Quad-Bike, das da verlassen am Strand stand, um möglichst viele Riesen in eine für uns andere günstige Position zu treiben – und wenn dabei ein Riese einen der Froschartigen umtrampelte, dann um so besser.
Anfangs klappte sein Plan auch wie am Schnürchen, aber dann verlor Alex über seinem Manöver den Verlauf der Schlacht aus dem Auge und landete selbst mitten in einem Pulk aus Gegnern, wo einer der Froschmenschen einen arkanen Schlag auf ihn abschoss, der Alex gut und gern 60 Fuß wegschleuderte.
Edward nutzte die durch Alex‘ Manöver entstandene Verwirrung aus und ging in den Nahkampf gegen die Riesen. Mit seinem magischen Handschuh prügelte er auf sie ein, und tatsächlich erschlug er gleich zwei der Kreaturen, die – genau wie der Riese, den die Einherjar vor ein paar Tagen erledigt haben – zu Matsch zerfielen und nur Knochen übrig ließen. Aber mit dieser Aktion hatte Edward sich bei den Froschmenschen als Gefahr zu erkennen gegeben. Gleich mehrere von ihnen feuerten ihre magischen Stacheln auf ihn ab – und Edward hatte kein Sommerschwert, das ihm dabei helfen konnte, sie abzuwehren. Mindestens eines der nadelspitzen Geschosse traf ihn da, wo seine Haut nicht geschützt war.
Die Riesen waren zwar groß und furchteinflößend, aber die Froschmenschen mit ihrer Magie waren die größere Bedrohung. Mit seiner übernatürlichen Geschwindigkeit fegte Totilas an den Kolossen vorbei und ging in den Nahkampf gegen die breitmäuligen Humanoiden. Das war die perfekte Strategie, denn auf diesem Gebiet waren die Froschlinge nicht gut, und anfangs ging Totilas durch sie hindurch wie das sprichwörtliche Messer durch weiche Butter. Dann aber taten sich drei von ihnen gegen unseren White Court-Kumpel zusammen, und als Totilas diesem koordinierten magischen Angriff ausweichen wollte, stockte er plötzlich auf eine Weise, wie wir das sonst nicht von ihm kennen. Der arkane Schlag traf ihn mit voller Wucht, und er ging zu Boden.

Einer der Froschlinge begann großspurig zu deklamieren, dass unser Ende gekommen sei und dass wir keine Chance hätten, aber die Wahrheit sah anders aus. Das helle Sonnenlicht meines Zaubers, das noch immer über dem Platz lag, schmeckte ihnen ganz und gar nicht, das konnte ich sehen; Edward hatte zwei Riesen erwischt, Totilas einen Froschmenschen, und auch die anderen waren alles andere als untätig gewesen und noch immer kräftig dabei, den Angreifern einzuheizen.
Während Edward vorstürmte, um Totilas aus der Kampfzone zu ziehen, und ich zu Alex rannte, machten die Froschmenschen Anstalten, das Feld zu räumen – aber nicht, bevor nicht der eine, der eben schon das große Wort geführt hatte, einen weiteren Spruch losließ. „Ihr mögt die Schlacht gewonnen haben“, höhnte er, „aber das war nicht das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben!“
„Raus aus unserer Stadt!“ schoss Edward ihm entgegen, aber das ließ den Kerl nur klischeeschurkenmäßig auflachen. „Hahaha, wir sind zurück, jetzt bleiben wir!“
Und damit zog sich die ganze Horde – Froschlinge wie Riesen – in Richtung Meer zurück.
Alex, der – Himmel sei Dank – bei Bewusstsein war, auch wenn er stark mitgenommen aussah und nur ein Bein belastete, weil das andere in einem unnatürlichen Winkel abstand, machte sich mit ein paar schnellen Handgriffen an dem arg demolierten Quad-Bike zu schaffen und schickte es den Gegnern fahrerlos hinterher. Es krachte in einen der Riesen und explodierte in einem geradezu filmtauglichen Feuerball, was das Monstrum nicht überlebte.

Dann waren die Gegner fort. Zurück blieben die Gebeine zahlreicher zu Matsch zerfallener Riesen und ein toter Froschmensch. Aus der Ferne waren Polizeisirenen zu hören, aber bis die da waren, kümmerten wir uns umeinander. Ich war zwar von keinem dieser Stacheln getroffen worden, aber jetzt machte sich der Streifschlag des Riesen bemerkbar. Trotzdem hatte ich noch Glück gehabt – die anderen hatte es teils deutlich schwerer getroffen, und wir waren alle mehr oder weniger mitgenommen. Alex musste mit seinem gebrochenen Bein dringend ins Krankenhaus, und bei allen, die Stacheln abbekommen hatten – Edward war einer davon, Dee eine weitere, auch Febe und Ángel und mehr als ein Einherjer – wurde sehr schnell klar, dass die Dinger vergiftet gewesen waren. Edward hatte einen alchimistischen Trank dabei, der die Ausbreitung des Gifts bei ihm und den anderen aufhielt, aber ein echtes Gegenmittel war das nicht.
Mit Totilas stimmte auch etwas ganz und gar nicht. Als Edward ihn aus der Gefahrenzone trug, merkte er, dass unser White Court-Freund in Wellen schwerer und leichter wurde, ganz so, als habe er phasenweise nicht seine volle Masse – eindeutig ein magischer Effekt.

Sobald Alex im Krankenhaus war, brachten Edward und ich Totilas ins Hotel Fountainebleu zurück – gut, dass das direkt in der Nähe liegt. (Raith Manor ist zwar eigentlich schon fast wieder fertiggestellt, aber noch hat Totilas den Familiensitz nicht wieder aus dem Hotel dorthin verlegt. Denn momentan haben Richard, Sancía und Canché dort Zuflucht gefunden, und das soll ja möglichst geheim bleiben, ganz abgesehen davon, dass die drei keine White Court-Vampire sind). Wir gaben unseren Freund, der gar nicht so recht zu wissen schien, wo er gerade war, in die Obhut seiner Familie – so schwer es uns fiel, ihn alleine zu lassen, er ist nun mal ein Weißvampir, und als solcher können seine Verwandten sich besser um ihn kümmern. Und so silbrig, wie seine Augen immer wieder aufgeglänzt hatten, würde er sich auch ernähren müssen, und das war nun nichts, bei dem wir dabei sein sollten.

Außerdem musste, wollte, ich zu Pan, Bericht erstatten und dafür sorgen, dass die Leiche des Froschwesens im Sommerpalast zwischengelagert werden kann, bis wir dazu kommen, sie zu analysieren. Und die Einherjar und verbleibenden Sidhe-Ritter hatten tapfer gekämpft, hatten teilweise auch gar nicht so triviale Verletzungen davongetragen, also wollte mich um sie kümmern, Präsenz zeigen, sie aufbauen. Was man als Erster Ritter seines Herzogs eben so macht nach einer Schlacht, um die Moral der Truppe aufrecht zu erhalten. Oder jedenfalls, bis einem das Adrenalin ausgeht. Irgendwann wankte ich in das Zimmer, das mir dort zur Verfügung steht, auch wenn ich es bisher noch so gut wie nie in Anspruch genommen habe, fiel auf das Bett und war für den Rest des Tages und die folgende Nacht für die Welt gestorben. Immerhin hatte ich ja auch noch von der Nacht zuvor einiges an Schlaf nachzuholen!

Vorgestern musste ich dann erst einmal Lidia beruhigen und ihr alles erzählen, und nachmittags trafen wir uns mit Roberto, um den auf den neuesten Stand zu bringen und danach gemeinsam nach Alex und Totilas zu sehen. Ersterer hatte sein Bein geschient bekommen und sagte, sie wollten ihn einige Tage im Krankenhaus behalten*; letzterem ging es noch nicht so richtig viel besser. Wenn Totilas bei sich war, wirkte er beinahe ganz wie der Alte, aber er hatte immer wieder diese, hm, wie nenne ich das, Anfälle von Phasenverschiebung. Roberto und Edward sahen sich das an und befanden, dass Totilas bei dem Ritual offenbar zuviel Magie kanalisiert und damit zum einen die Verbindung zu seinem Hungerdämon beschädigt hatte, so dass der sich weder artikulieren noch mit Totilas interagieren oder dem seine übermenschlichen Kräfte geben konnte. Das war aber nicht das größte Problem – die Verbindung war schon wieder hergestellt worden, zumal Totilas sich in der Nacht tatsächlich ernährt hatte. (Ohne jemanden umzubringen, wie er sich beeilte zu erwähnen.) Die eigentliche Krux war eben wirklich die Sache mit der Phasenverschiebung. Totilas hatte bei dem Ritual auch einen Teil seines Halts verloren, war in der übermäßig kanalisierten Magie verloren gegangen, also musste er wieder neu in Miami verankert, seine Verbindung zu unserer Stadt wieder gestärkt werden.

Aber wie das am besten anstellen? Blöde Frage. Edward war mit von der Partie, Römer und Patrioten, also natürlich mit einem weiteren Ritual. Aber das war nichts, das man einfach mal so aus dem Ärmel schüttelt, also machten wir das nicht sofort. Es war aber zum Glück um Welten weniger komplex als das Genius Loci-Ritual, also konnten wir gestern alles vorbereiten und es heute dann durchziehen, nachdem ich vormittags erst wieder eine Weile bei Pans Rittern gewesen war.
Zur Verankerung verwendeten wir ein Foto von Raith Manor für das Sehen und eine Broschüre des Hotels Fountainebleu für den Geist. Wir führten das Ganze in dem Spa durch, in dem wir uns als Hüter Miamis aufeinander eingestimmt hatten – so konnten wir die Atmosphäre dort gleich als Komponente für die Seele verwenden. Die Massage, die Totilas in einem schaumbadgefüllten Whirlpool von einer leicht bekleideten jungen Dame erhielt, diente dem Fühlen, und der Duft des Schaumbads dem Riechen. Dazu gab es ein ‚Lido Elixir‘ – ein eigens für das Spa kreierter Cocktail aus Gin, Aperol, Zitronensaft, Zuckersirup, Gurkenwasser, ein paar Gurkenscheiben, Minzeblättern und Ginger Ale – für das Schmecken, und zum Hören trug ich noch einmal die Ode an Miami vor. Zusätzlich war auch noch Blei eine Komponente, um Totilas‘ Körper, der immer noch in Wellen abzuheben drohte, symbolisch wieder zu beschweren. Während sich unser Freund in dem Bad bei seiner Massage entspannte, führten wir – besser gesagt, führten Edward und Roberto; mein eigener Anteil war nur die Ode – am Beckenrand das Ritual durch. Es hatte auch den gewünschten Erfolg, allerdings – wie so oft – nicht sofort, oder besser: nicht vollständig sofort. Der Anfang ist gemacht, ab jetzt wird es besser, aber es wird wohl noch eine Weile dauern, bis Totilas‘ Anfälle von Phasenverschiebung völlig verschwunden sein werden. (Bei mir war es vor ein paar Jahren am Crater Lake mit meinem von Elena eingepflanzten Hass auf die Jungs ja ganz ähnlich.)

Brrrr. Jetzt habe ich allein von der Erinnerung doch tatsächlich eine Gänsehaut bekommen. Tío. Ich höre mal auf für jetzt. Ich sitze sowieso schon den ganzen Abend an diesem Eintrag – nicht, dass Lidia noch vergisst, wie ich aussehe.

*Achtung, Wortspiel-Alarm – aber nicht meiner; der Spruch kam wohl von einer Ärztin oder Krankenschwester, die Alex schon die letzten paar Male behandelt hat (oder ist er sogar auf Alex‘ Mist selbst gewachsen?): Unser Kumpel hat im Mount Sinai Medical Center schon einen Viellieger-Bonus**, so oft war er in letzter Zeit dort.

**ich sage doch, der Witz war flach.

18. März

Vorhin wurde Alex schon entlassen. Sein Bein ist natürlich noch geschient, und er geht auf Krücken, wenn er nicht in einem Rollstuhl sitzt, um das Bein zu schonen, aber eigentlich hätte er noch länger im Krankenhaus bleiben sollen. Die Ärzte seien erstaunt gewesen, dass der Bruch so gut aussehe, erzählte Alex, aber das liegt wohl auch und vor allem an Elegguas Schirmherrschaft, dass er schneller heilt als normale Menschen. Diese Schirmherrschaft erweist sich aber gerade auch in einer anderen Hinsicht als sehr nützlich: Wir haben in den letzten Tagen viel Zeit mit Totilas verbracht, und Alex zieht ihn wortwörtlich zurück, wenn er wieder einmal außer Phase gerät. Auch Lady Miami ist häufig bei uns aufgetaucht, und wenn sie da ist, hilft sie ebenfalls dabei, Totilas wieder ins Hier und Jetzt zu holen.

Totilas sagte gestern übrigens, er wolle besser verstehen lernen, wie diese Grenze zwischen der echten Welt und dem Nevernever funktioniert. Edward, Alex und Roberto haben alle angeboten, ihm dabei zu helfen, jeder mit seiner jeweiligen Spezialisierung und aus seinem jeweiligen Blickpunkt – ich würde auch, wenn ich könnte, aber zu dem Thema habe ich leider nicht so richtig viel beizutragen.

Aber jetzt, wo wir alle wieder so einigermaßen – ja, Krücken, ja, gelegentliche Phasenausfälle, aber trotzdem – wieder auf dem Damm sind, müssen wir dringend die Leiche des Froschmenschen untersuchen. Denn nicht nur müssen wir versuchen, so viel wie möglich über diese Wesen herauszufinden, sondern Edward, Dee und die anderen von den Feuerfischstacheln Getroffenen sind immer noch vergiftet, und Edward hat das Gift mit seinen alchimistischen Fähigkeiten mangels Zeit zur Analyse bisher nur unterdrückt und zurückgedrängt, aber noch nicht richtig heilen können. Das müssen wir dringend ändern!

Später. Fertig mit der Untersuchung. Die Leiche des Froschwesens war, magische Aufbewahrung sei Dank, auch noch im selben Zustand wie vor einer Woche, so dass die Analyse nicht zusätzlich erschwert wurde. Durchgeführt wurde sie von Alex, unterstützt von Totilas und mir, auf der rein wissenschaftlichen Ebene, während Edward und Roberto sich um die magischen Aspekte kümmerten. Es stellte sich heraus, dass die Kreaturen tatsächlich Geschöpfe der echten Welt sind und nicht aus dem Nevernever kamen. Sie sind auch wirklich menschenartig, haben keinen Schildkrötenpanzer oder Fischschuppen oder dergleichen. Aber sie haben Kiemen, was darauf hindeutet, dass sie wirklich unter Wasser leben; an der Luft atmen können sie aber auch. Aus der Anatomie der Kreatur wurde auch deutlich, dass die Froschmenschen große Druckunterschiede aushalten können: Sie scheinen also nicht nur unter Wasser, sondern tatsächlich in großer Tiefe zu leben. Und auf kaltes Eisen reagierte der Leichnam – nicht so extrem wie eine Fee, aber eine Reaktion zeigte sich doch. Eine Art Feenerbe vielleicht? Und die Zellen des toten Wesens wirkten sehr wandelbar – Hinweise darauf, dass es sich bei den Froschartigen um Gestaltwandler handelt?

Als Rückschlüsse für eventuelle zukünftige Konfrontationen zogen wir aus unseren Untersuchungen, dass man sie vermutlich recht gut austrocknen kann und dass sie große Hitze mit einiger Sicherheit nicht mögen dürften. Hmmm. Austrocknen und Hitze? Ja hallo auch, Sommermagie!

Dass die Froschlinge Magienutzer sind, hatten wir am ja eigenen Leib erlebt. Kein Wunder also, dass, wie sich herausstellte, die von ihnen verschossenen Stacheln magisch heraufbeschworen worden waren und nichts Natürliches an sich hatten.
In seinem Labor analysierte Edward den Stachel, der ihn getroffen hatte, sowie eine Probe seines eigenen Blutes – immerhin trägt er ja das Gift ja selbst auch in sich – und fand heraus, dass es sich dabei um eine lähmende Substanz handelte, die unbehandelt früher oder später tödlich gewesen wäre. Glücklicherweise hat der bisherige Trank die Wirkweise des Toxins sehr stark verlangsamt, und jetzt kennt Edward die genaue Zusammensetzung des Giftes und kann sich daran machen, ein echtes Gegenmittel zu entwickeln.

21. März

Die Formel für das Gegenmittel ist gestern fertig geworden. Gemeinsam mit den anderen Magiebegabten unter den Hütern haben wir heute genug davon hergestellt, um alle Vergifteten zu heilen. Ich sage ‚wir‘, weil ich mich diesmal ebenfalls beteiligen konnte. Erneuerung und Wiederherstellung und Heilung sind alles Aspekte, die von Sommer abgedeckt werden, also konnte ich mit der Sommermagie dabei helfen, das Mittel zu brauen.
Wir haben es schon allen Vergifteten verabreicht, und es ist sogar etwas übrig geblieben, um das für einen zukünftigen Angriff der Froschartigen schonmal in petto zu haben.

Totilas hat inzwischen auch mit den Jungs geredet, um mehr über die Grenzen zwischen hier und dort zu erfahren und ich glaube, neben all dem theoretischen Wissen, dass er erfahren hat, hat war Robertos Hilfe die praktischste. Der hat ihm nämlich die Sight beigebracht hat: die Technik, wie man sein Drittes Auge öffnet.

Ach ja. Und den Winterhof hat es bei dem Angriff tatsächlich schwer gebeutelt, glaube ich. Tanits Anwesenheit können wir spüren, aber von Hurricane fehlt, zumindest in unserem jetzt erweiterten Bewusstsein von Miami, jede Spur. Winter oder nicht, ich hoffe sehr, er ist nur gerade nicht in der Stadt – im Nevernever vielleicht? – und nichts Schlimmeres.

23. März

Wir haben etwas nachgeforscht und versucht, ein paar Infos über diese Froschlinge zusammenzutragen. So aus dem Kopf heraus sagten sie keinem von uns etwas, aber in ein paar uralten Unterlagen, die Roberto auftat, und aus dem, was ich aus Pan herausbekam, als ich mich mit ihm und den Einherjar nochmal über die Sache unterhielt, kristallisierte sich Folgendes heraus:
Die froschartigen Wesen heißen Fomor oder Fomori – was nun tatsächlich der Plural ist, oder ob beides zutrifft, ist mir noch ein wenig unklar. Vor Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden, als die Fae noch in der normalen Welt lebten und nicht im Nevernever, kam es zum Krieg gegen die Fomori, hässliche, froschähnliche Gestaltwandler, die das Aussehen von Menschen annehmen konnten, wenn sie wollten. Sie hatten sich zum Teil mit den Feen vermischt (was wohl zu der leichten Eisenallergie führte, die wir bei der Leiche festgestellt haben). Unter Beteiligung des Vorläufers des Weißen Rates drängten die damaligen Sidhe die Fomori ins Meer – das war notwendig, weil die Fomori die Angewohnheit hatten, Menschen und Fae, auch und gerade magisch begabte Menschen und Fae, zu entführen und zu versklaven, und nicht nur das, sondern ihre Sklaven auch körperlich zu verwandeln. Sie genossen es geradezu, andere unter ihre psychische Dominanz zu bringen. Damals wurden die Fomor also ins Meer getrieben und wurden nicht wieder gesehen – aber jetzt, wo mit dem Verschwinden des Roten Hofs ein derartiges Machtvakuum entstanden ist, scheinen sie das wohl irgendwie mitbekommen und für ihr Wiedererscheinen genutzt zu haben.

Die Riesen, die sie bei sich hatten, stammten übrigens aus dem Nevernever, bekamen wir ebenfalls heraus. Sie leben in einem völligen Ödland, oder besser: Alles Land, wo sie sich aufhalten, wird früher oder später zu Ödland, weil sie alles, aber auch alles verschlingen. Bevorzugt ernähren sie sich von intelligenten Lebewesen, aber wenn sie die nicht bekommen können, dann fressen sie auch Schafe, Insekten, Bäume –sogar Steine, wenn sonst nichts anderes da ist.

25. März

Gestern vormittag, als es in Österreich Nachmittag war, hat Edward seine österreichische Magier-Bekannte Vanessa Gruber angerufen und von dem Angriff erzählt. Dabei erfuhr er, dass die Fomori auch überall in Europa aufgetaucht sind – ihr Wiedererscheinen scheint ein weltweites Phänomen zu sein.
In Österreich kamen die Fomori aus zwei großen Binnenseen im Westen und Osten des Landes, hatten dort aber keine Riesen dabei, sondern versklavte Menschen. Das veranlasste Totilas hinterher zu der Theorie, dass die Froschlinge ihre Gegner kennen und geplant diejenigen Diener mitnehmen, die sie für die jeweilige Situation als am Effizientesten erachten. Aber das war eben genau das: eine Theorie, die wir zwar im Hinterkopf behalten, aber nicht beweisen können.

Edward fragte Vanessa auch nach dem Verschwinden des Red Court. Wie wir ja schon von Richard gehört hatten, wollte der Rote König ein Ritual durchführen, um über einen seiner Nachfahren den Blackstaff zu töten, den Magier, der dem White Council als Scharfrichter dient. Es gelang den Ratsmagiern, das Ritual umzudrehen, so dass der jüngste Angehörige des Roten Hofs davon getroffen wurde und sich in einer rückwärtsgerichteten Kettenreaktion alle Rotvampire auflösten.
Daraufhin wollte Edward wissen, wie wichtig dieser Blackstaff denn sei und wieviele Nachfahren er habe, dass ein solches Ritual greifen könne. Die Zahl seiner Nachfahren kannte Ms. Gruber nicht, aber was die Wichtigkeit des Blackstaff beträfe: Er habe einen Satelliten auf eine vom Roten Hof betriebene Farm herabstürzen lassen – der Rote König müsse einen abgrundtiefen Hass auf den Mann verspürt haben.
Edward versprach Vanessa noch, ihr alles zuzusenden, was wir über die Fomori herausgefunden hatten, und sie versprach im Gegenzug, ebenfalls Nachforschungen anzustellen und die Informationen zu teilen, falls dabei etwas herauskäme. Außerdem fragte die Österreicherin nach Warden Declan. Als Edward wahrheitsgemäß antwortete, dass der verschollen sei, fragte sie, ob wir jemand Neuen bräuchten und schlug vor, dass wir uns an den in Chicago ansässigen Warden wenden sollten, falls ja. Angesichts der Tatsache, dass der in Chicago ansässige Warden dieser unsympathische Typ ist, mit dem Edward vor ein paar Jahren dieses unerfreuliche Gespräch hatte, war er nicht gerade begeistert von dieser Idee, brummte aber ein unverbindliches „Vielleicht“.

Abends dann, nachdem ich mich vorher (wie alle paar Tage in letzter Zeit) um die Einherjar und verbliebenen Sidhe-Ritter gekümmert hatte, trafen wir uns dann mit den anderen Hütern. Cicerón war noch etwas angeschlagen, weil er sich gegen die Fomori eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte, aber es ging schon wieder. Bjarki Lokison, der ja selbst Gestaltwandler ist und den ich nach dem Kampf am Strand tatsächlich völlig aus den verloren hatte, sagte, er sei den Froschlingen in Fischgestalt gefolgt. Nach ihrem Rückzug seien sie weit hinaus aufs Meer geschwommen und dann ganz tief abgetaucht. Dort hätten sie eine richtige Stadt, sagte Bjarki – es handele sich also nicht nur ein paar Gestalten, sondern tatsächlich um ein ganzes Volk. In die Stadt hinein folgte er ihnen lieber nicht, weil er nicht das Risiko eingehen wollte, entdeckt zu werden.
An diesem Punkt warf Totilas die Frage auf, ob die Fomori einfach so wegen des Machtvakuums wieder aufgetaucht seien, oder ob Jak sie gerufen haben könne. Edward hielt allerdings dagegen, dass wir keine unnötige Paranoia entwickeln sollten: Nicht alles Schlechte, das uns widerfährt, kommt von Jak. In diesem Zusammenhang konnte Alex jetzt eindeutig bestätigen, dass die Geister, die uns ständig gestört hatten, von Adlene gekommen waren und nicht Jak dahintersteckte.
Die Geister sind ein echtes Problem, waren wir uns alle einig, und zwar eines, das wir demnächst irgendwann einmal angehen müssen, ebenso wie wir uns um Adlene kümmern müssen.
Totilas war anderer Ansicht: „Jak ist das Problem“, erklärte er voller Überzeugung, was aber Cicerón zum Widerspruch anregte: „An Jak kommen wir aber nicht heran“.
Ich versuchte, zwischen den beiden Ansichten zu vermitteln. „Der Weg zu Jak führt über Adlene“, sagte ich – denn immerhin sind die beiden ja nach allem, was wir wissen, Verbündete, und ich denke schon, dass es uns gegen Jak helfen kann, wenn wir Adlene unschädlich machen oder von seinem Outsider-Partner lösen.

Der nächste Punkt, den wir diskutierten, auch wenn ich gar nicht mehr genau weiß, wer die Frage in den Raum warf, war es, ob wir uns beim Rest der übernatürlichen Gemeinschaft als die Hüter Miamis zu erkennen geben sollten. Totilas bekannte sich sofort für die Idee, aber sowohl Cicerón Linares als auch ich sprachen uns, wenn nicht direkt gegen die Idee aus, so doch dafür, das sehr genau abzuwägen. Linares war der Auffassung, es sei zumindest riskant, wenn das alle wüssten, und ich fand auch, wir sollten den Ball vorläufig lieber erst einmal ein bisschen flach halten. Aber irgendwer – Mierda, ich weiß gar nicht mehr, wer genau, ist aber vielleicht auch nicht so wichtig – brachte die Unseelie Accords ins Spiel. Dass es vielleicht gar nicht schlecht sei, wenn wir Accords als Fraktion beiträten, und das wiederum war eine Idee, die unerwartet kam, die wir aber alle ziemlich interessant fanden. Allerdings waren wir uns auch einig, dass es -falls das möglich ist- vermutlich besser wäre, den Vertrag erst zu unterzeichnen und uns dann als Hüter zu outen, weil wir dann nämlich schon von den Bestimmungen des Vertrags geschützt wären. Aber das sind alles noch ungelegte Eier.
Eines war uns aber allen klar: Wir müssen mit unseren neu erhaltenen Fähigkeiten üben, damit wir, wenn es ernst wird, genau wissen, wie wir sie am besten einsetzen und wo ihre Grenzen liegen.
Also lag es vielleicht nahe, dass Edward beim Thema neu erhaltene Fähigkeiten einfiel, dass wir dank unserer besonderen Verbindung zu Miami jetzt vielleicht auch ein Bewusstsein für unsere Feinde haben. „Es wäre interessant, ob wir spüren können, falls Declan und Donovan wieder auftauchen“, sagte er nachdenklich, bevor er die anderen Hüter informierte: „Die haben aber Dämonenkräfte.“
„Stefania Steinbach auch“, ergänzte ich – und weil ich in dem Moment an die korrumpierte Kirchenvertreterin dachte und mich somit aktiv auf sie konzentrierte, fiel mir auf, dass ich ihre Gegenwart eben tatsächlich nicht spüren konnte, und mir entfuhr ein heftiges: „Puta de madre!
„Anstand!“ tadelte Ángel mich sofort, was mich gar nicht wunderte. Irgendwie muss ich bei ihm immer an den klassischen Fantasy-Paladin denken.
Ich verzog etwas das Gesicht – normalerweise bin ich ja (außerhalb der Privatsphäre dieser Seiten jedenfalls) selbst niemand, der sich zu allzu kruden Flüchen hinreißen lässt. „Ja, tut mir leid“, erwiderte ich deswegen leicht zerknirscht, bevor ich dann aber doch fortfuhr: „Aber extreme Situationen erfordern eben manchmal extreme Sprachwahl.“
Unser Paladin lenkte auch ein. „Stimmt. Sorry.“
Das war der Punkt, an dem Ximena aufsprang und laut in die Runde pfiff, bevor sie eine leise klirrende Kühltasche auf den Tisch hievte. „Meine Güte, jetzt lasst uns erstmal feiern! Wir haben immerhin ein verdammt großes Ritual hinter uns gebracht!“

Die Kühltasche enthielt Sekt und Gläser, also taten wir genau das. Ich gebe zu, es wurde wieder ein bisschen spät.

26. März

Heute hatte Edward das um zwei Wochen verschobene Gespräch mit der Abteilung für innere Angelegenheiten. Keine Ahnung, warum die ursprüngliche Vorladung partout an einem Sonntag hatte stattfinden sollen – vielleicht hatten sie sonst keine anderen Termine frei, oder es sollte Teil einer Zermürbungsstrategie für Edward sein oder was weiß ich. Wie dem auch sei, er hat sich mit Internal Affairs auf einen Handel geeinigt: Edward quittiert den Dienst beim Miami PD. Er erhält keine Pension, wird aber ehrenhaft entlassen, und es wird keine weiteren Untersuchungen in seine Person und seine Beziehungen zu Totilas Raith bzw. den Geschäften der Familie Raith in Miami mehr geben. Internal Affairs war nicht begeistert, aber das war ein Kompromiss, auf den sich beide Seiten einlassen konnten.
Edward will sich als Privatdetektiv selbständig machen, sagte er. Darüber hatte er in letzter Zeit ja schon häufiger nachgedacht.

Ich habe in letzter Zeit auch häufiger über etwas nachgedacht. Schon lange eigentlich, auch wenn ich es auf diesen Seiten noch nie explizit ausgeschrieben habe. Ich liebe Lidia, und ich würde unsere Beziehung gern auf die nächste Ebene heben, falls sie zustimmt. Oh Dios, wie trocken das klingt. De verdad, Alcazár, dafür, dass du Schriftsteller bist, kannst du dich manchmal echt ganz schön hölzern ausdrücken.

27. März

Totilas hat in den letzten Tagen viel Zeit in Raith Manor verbracht. Er wollte sich ganz aktiv mit seiner Mutter versöhnen und das Verhältnis zu seinen Eltern wieder herstellen, jetzt wo die beiden ein bisschen Zeit hatten, um erst einmal zueinander zu finden. Totilas hat angedeutet, dass es seiner Mutter gar nicht gefällt, dass er ein Verbrecher ist, der in durchaus größerem Stil mit Drogen und in gewissem Maße auch mit Menschen handelt, aber er ist ihr Sohn, und moralische Diskussionen können und werden später kommen, jetzt wollen sie erst einmal wieder ein gutes Verhältnis zueinander herstellen. (Das geht mir ja ganz ähnlich – ich kann diese Machenschaften ja auch nicht gutheißen, und eigentlich müsste ich mich längst von Totilas distanziert haben… aber er ist nun mal mein Freund, und ich toleriere seine Machenschaften, was auch immer das nun über mich aussagt. Dass ich kein so netter Kerl bin, wie ich das eigentlich gerne von mir glauben würde, vermutlich. Mierda.)

Wie dem auch sei, als wir uns letztens mal mit Richard und Sancía getroffen haben, war sehr deutlich zu merken, dass die beiden nicht nur neu verliebt sind, sondern dass sie in wahrer Liebe verbunden sind. Tatsächlich sah Totilas so aus, als würde es ihm Schmerzen bereiten, wenn sein Vater oder seine Mutter seine Hand griffen oder ihm über die Wange strichen – nicht so stark, dass es ihm eine Brandblase zufügen würde, aber er versucht ja auch nicht, sich von den beiden zu ernähren. Und es ist ein Zeichen dafür, wie sehr er seinen Eltern zugeneigt ist, dass er die Berührungen trotzdem über sich ergehen lässt, ohne mit der Wimper zu zucken, und sich sogar darüber zu freuen scheint. Gerade Sancía, emotional, wie sie ist, scheint Totilas ihre mütterliche Zuneigung durch liebevolle kleine Berührungen zeigen zu wollen. Jetzt, wo ihre Seele wieder mit ihrem Körper vereint ist, erinnert sie sich wieder, sagte Totilas letztens, und sie ist sehr betroffen darüber, was sie ihm damals angetan hat. Jetzt will sie ihn neu kennenlernen, und Totilas ist mehr als einverstanden – das ist ja genau auch sein Ziel.

Richard Raith wirkte nicht nur überglücklich, sondern auch sehr erleichtert, tatsächlich so, als sei eine riesige Last von seiner Seele genommen. Er erwähnte etwas davon, dass er sich jetzt wieder ganz der Magie widmen könne und wolle und vielleicht sogar versuchen wolle, einen Platz im Weißen Rat zu erlangen. Hmmm – er war ja der Lehrling von Lafayette duMorne, dem Warden vor Spencer Declan… Vielleicht stehen seine Chancen dafür, in den Magierrat aufgenommen zu werden, gar nicht so schlecht. Und vielleicht wäre er irgendwann ein Kandidat für das unbesetzte Warden-Amt hier? Hmmm. Hmmmm!
Unter Lafayette duMorne gab es übrigens nie ‚Steuern‘, bestätigte Richard uns, und auch sonst war ihm das Konzept völlig unbekannt – damit haben wir jetzt ein für alle Mal den Beweis, dass Spencer Declan sich da lediglich in Schutzgelderpressung betätigt hat.

Sancía sagte noch, jetzt, wo sie wieder ein Mensch sei, wolle sie ihre Tochter suchen. Momentan ist Cherise ja spurlos verschwunden, nachdem wir damals vor sechs Jahren zu ihrer eigenen Sicherheit den Tod des Mädchens fingiert hatten und sie von Castor Elfenbein so weggebracht wurde, dass niemand, vor allem nicht Totilas, Richard oder sonst einer der Raiths, wussten, wohin.

Richard und Sancía wollen übrigens einen neuen Nachnamen annehmen – weder ‚Raith‘ noch ‚Canché‘ wären sonderlich geeignet dafür, um unauffällig als normale Menschen weiterleben zu können.

3. April

Edwards Visitenkarten sind angekommen. Ich hatte die Ehre, die erste von ihm überreicht zu bekommen: „Parsen Investigations. Rituale & Recherchen“. Sehr schön. Das gefällt mir.

5. April

Eben habe ich die hijas beiseite genommen und ihnen gesagt, dass ich Lidia gerne fragen möchte, ob sie meine Frau werden will, und was sie davon halten würden. Sie kicherten und nickten eifrig und freuten sich beide riesig. Ich nahm ihnen dann noch das Versprechen ab, dass sie Lidia nichts davon erzählen sollen, weil ich schon gerne möchte, dass sie die Frage direkt von mir hört. Sie müssen auch nur bis morgen Abend stillhalten, denn morgen Abend will ich fragen.

6. April

Alles soweit fertig. Oh Mann, bin ich aufgeregt.

Sie hat ja gesagt!!

7. April

So, nachdem ich gestern kaum einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn ein klares Wort zu Papier bringen konnte, jetzt nochmal in Ruhe.

Ich hatte kurz überlegt, ob ich Lidia vielleicht zum Essen ausführen sollte, aber irgendwie fand ich den Gedanken schöner, die Frage zuhause zu stellen. Ich koche ja auch sonst gelegentlich für uns, deswegen war das nichts so Besonderes, aber diesmal lag, zumindest für mich deutlich spürbar, ein gewisses Etwas in der Luft. Schon den ganzen Tag lang hüpften die Mädchen beide aufgekratzt herum wie die Gummibälle und waren ständig am Tuscheln, und sie gingen ohne jegliche Verzögerungstaktik brav früh ins Bett.

Ich hatte costillitas gebraten und Salat gemacht, dazu eine gute Flasche Wein geöffnet und den Tisch schön gedeckt, und als Nachtisch gab es flan de leche.
Nach dem Essen standen wir am Fenster und sahen auf die Lichter von Miami Beach und das nachtdunkle Meer hinaus, und das war der Moment, in dem ich Abuelitas Ring herausholte. Ich weiß gar nicht genau, warum Enrique den nie bekommen hat – er ist immerhin der Ältere von uns beiden –, aber vielleicht weil es bei ihm und Evelia nie so aussah, als würde es ernst werden. Jedenfalls hatte Mamá mir den Ring vor einer Weile mit der Erklärung zugesteckt, dass das der Ring sei, mit dem sowohl Abuelo um die Hand meiner Großmutter und Papá um Mamás Hand angehalten habe, und ich könnte ihr keine größere Freude machen, als wenn ich ihn auch irgendwann einmal zu diesem Zweck einsetzen würde.
Ich ging nicht vor Lidia auf die Knie, auch wenn ich kurz mit dem Gedanken spielte, aber dazu hätte ich mich aus unserer Umarmung lösen müssen, und irgendwie kam mir das in diesem Moment unpassend vor. Stattdessen hielt ich sie mit einem Arm weiter an mich gezogen und präsentierte ihr dabei den Ring auf der Handfläche der freien Hand, während ich – mit ein bisschen zittriger Stimme, ich muss es zugeben – die Frage stellte. Lidia drehte sich zu mir und strahlte mich an und sagte: „Ja, Cardo, das will ich!“, und ich steckte ihr den Ring an den Finger und war in dem Moment der glücklichste Mensch auf diesem Planeten. Bin ich auch immer noch. Ich kann es tatsächlich kaum fassen.

12. April

Irgendwie tauchen in letzter Zeit immer häufiger Gottheiten und Halbgötter und dergleichen in Miami auf. Es waren ja schon immer welche in der Stadt – siehe Bjarki und Haley oder Ahalphu – aber entweder es sind mehr geworden, oder sie waren die ganze Zeit über getarnt, und jetzt lassen sie die Tarnung fallen. Oder noch besser: für die meisten Leute sind sie immer noch getarnt, aber jetzt können wir sie erkennen.

13. April

Es sind tatsächlich mehr geworden. Bei dem Ritual haben wir ja ein Ventil geöffnet, um zum Druckablass magische Energie in die Stadt zu lassen. Das war offenbar nicht nur einfache magische Energie, sondern auch ein Gutteil göttliche Energie. Und Alex sagte, dass gerade Eleggua extrem zufrieden ist. Das war wohl wirklich haargenau das, was Alex‘ patron wollte. Tío.

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Eingeordnet unter Fate, Miami Files, Pen & Paper

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